Dialektik des Terrors: durch lebenserhaltende Maßnahmen den Feind töten!
Die Welt wäre weise, wenn sie Al-Qaida am Leben halten würde, paradoxerweise aus Gründen der Sicherheit. Man mag es mögen oder nicht, aber eine ramponierte Al-Qaida intakt zu halten ist die größte Hoffnung, die die Welt haben kann, um die islamistischen Fanatiker in ein einziges soziales Netzwerk zu bringen – wo man sie am besten aufspüren, verfolgen und im Zaum halten kann. Die Alternative, die terroristische Gruppe zu zerstören, würde Al-Qaida in tausende von Zellen zersplittern, und diese wären wesentlich schwieriger zu verfolgen und unmöglich auszumerzen. Es ist das Dilemma des Gegen-Terrorismus, und die einzige echte Wahl ist die unangenehmste: Al-Qaida muss leben.
Die Gruppe ist getrieben von einer hohen Mitarbeiterfluktuation, ständig unter dem Druck, Mitglieder zu ersetzen, die durch erfolgreiche westliche Gegen-Operationen oder erfolgreiche Selbstmordattentate verloren wurden. Al-Qaida Manager auf der mittleren Ebene sind ausschlaggebend, um diese Personal-Lücke zu füllen. Diese zentralen Mitglieder haben mehr Verbindungen als ihre abgeschiedene Führung oder die frischen Rekruten, und bilden eine Brücke zwischen beiden Gruppen. Zur selben Zeit sind sie aufgrund ihrer größeren Offenheit [exposure] einfacher zur Strecke zu bringen. Hierin liegt die Gefahr. Bedauerlicherweise werden mit dem Auslöschen der mittleren Schicht des Managements auch alle Hoffnungen ausgelöscht, terroristische Attacken aufzuhalten.
Es ist verlockend ein Organisations-Diagramm von Al-.Qaida aufzuzeichnen und zu denken, wenn die wichtigen Knotenpunkte identifiziert und zerstört werden könnten, dass dann der Rest des Netzwerks folgen würde. Aber wenn Al-Qaida ausgeschaltet und sein mittleres Management dezimiert ist, dann kreisen eifrige Fanatiker rund um den Globus nicht mehr um eine zentrale Basis. Ihre Alternative? Ihr eigenes No-Name Netzwerk zu gründen und sich mit anderen Al-Qaida Überlebenden zusammen zu schließen. Al-Qaida zu töten wird wenig dazu beitragen, islamistischen Terror zu reduzieren. Es würde die Welt des Terrorismus nur chaotischer machen.
Die Alternative zur Zerstörung Al-Qaidas ist es, sie schwach zu halten – aber am Leben. Der Westen müsste Abstand davon nehmen, die zentralen Teile anzugreifen, und sie stattdessen beobachten und verfolgen. Al-Qaida würde weiterhin islamistische Militante in ihr gebündeltes Netzwerk anziehen, wo der Kampf gegen Terrorismus zumindest kontrollierbar [manageable] ist.
Angenommen, die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten lernen im Laufe der Zeit mehr über das Netzwerk, Al-Qaida Rekruten könnten während ihres Trainings und anschließenden Einsatzes beschattet werden. Neue Al-Qaida Agenten könnten dann neutralisiert werden, sobald sie sich vom Netzwerk wegbewegen. Diese Zeitwahl verhindert die Zerstreuung der oberen Ränge Al-Qaidas, während dennoch die direkte Bedrohung der Sicherheit eliminiert wird.
Unterdessen müssen Al-Qaidas mittlere Manager weiterleben, als eine gefährdete Spezies. Das bedeutet nicht, dass sie ihren Job gut machen können sollten. Anschläge durch Predator-Drohnen sollten sich auf kompetente Bosse konzentrieren, und ihre unbeholfenen Brüder verschonen. Die ersteren sind vielleicht vorsichtiger und schwerer zu treffen, aber solche selektiven Attacken werden Al-Qaida mit einer schwerfälligen, ineffektiven Mittelsektion von Anführern zurücklassen, denen es vielleicht an Verstand mangelt, schlagkräftige Operationen durchzuführen.
Sich auf die kompetenten Bosse zu konzentrieren, scheint ja ganz vernünftig. Doch im nächsten Absatz heißt es dann:
Die größte Lektion für die gegenwärtige Gegen-Terror Politik ist vielleicht, dass die Jagd auf Al-Qaidas oberste Führer keine Besessenheit [obsession] sein sollte. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie solch isolierte Knoten, dass ihre Verfolgung kostspielig ist und nur einen begrenzten Nutzen einbringt. Fakt ist, wenn die Argumentation stand hält, dann ist Bin Laden lebendig nützlicher als tot. Schließlich üben seine aufpeitschenden Reden einen gewissen Reiz auf potentielle Al-Qaida-Rekruten aus.
Wann soll denn dann der Gnadenstoß gegen Al-Qaida endlich kommen? Al-Qaida “kann der Todesstoß versetzt werden, wenn der islamische Fundamentalismus seinen Schwung verliert, z.B. durch ein israelisch-palästinensisches Friedensabkommen”, schreibt de las Casas.
A long time off, no? (Quelle)
Quelle: Terrorexperte
